6. Juni 2022 | Gedankenanstoß

Man(n) denkt

Bin ich eigentlich DIN-NORMal?

Ich glaube, mein Leben änderte sich an dem Tag, als ich erfuhr, dass die Krümmung von Salatgurken einer EU-Norm unterliegt. Denn mir wurde schlagartig klar, dass ich, wäre ich eine Salatgurke, noch dazu in einem Nicht-EU-Land geboren, niemals nach Deutschland hätte importiert werden können. Mein Rückgrat zu krumm, mein Zuckergehalt zu hoch.

Ich entspreche nicht dem Durchschnitt: Ich habe z.B. doppelt so viele Kinder wie der Durchschnitt. Aber was ist dieser Durchschnitt? Der deutsche Durchschnittsmann ist 42,7 Jahre alt, knapp unter 1,80 m groß, dunkelblond, 82 Kilo schwer. Mit 33,2 Jahren wird er heiraten und mit ca. 35 Jahren zum ersten Mal Vater (wenigstens hier entspreche ich mal der DIN-Norm). Die Scheidung steht dann mit 44,5 Jahren an (naja, der Durchschnittsmann ist auch nicht mit meiner Frau verheiratet, sonst gäbe es sicherlich viel weniger Scheidungen). Der DIN-Mann verdient monatlich 3.430 Euro brutto, arbeitet 34 Minuten täglich im Haushalt (seine Frau doppelt so viel), er sagt zwischen 5.000 und 12.000 Wörter pro Tag (die hat ein dreifacher Familienvater wie ich wohl gegen Vormittag bereits erreicht – ach, ich hätte mir Sätze wie »Wo putzen wir uns die Zähne?« rechtlich schützen lassen sollen). Er braucht zwar nur zwei neue Paar Schuhe pro Jahr, dafür schaufelt er jährlich ca. 60 Kilogramm Fleisch in sich hinein.

Die Liste ließe sich noch ewig weiterführen, ich kürze das mal ab: Ich entspreche einfach nicht der Norm. PUNKT! Während manche DIN–Normen durchaus sinnvoll sind – z.B. dass Teddybäraugen eine bestimmte Größe haben müssen, um schwerer verschluckt werden zu können, – gilt das nur sehr eingeschränkt für Menschen aus Fleisch und Blut. Der Durchschnittsmann ist einfach ein mathematisches Modell aus tausenden Männern aus Deutschland. Zwar rein rechnerisch der Durchschnitt, aber er stellt keinen echten Menschen dar.

Vor Jahren zappte ich mich mal durch das TV-Programm (das tue ich so selten, dass ich auch hier unterhalb der Norm bin). Ich blieb bei einer „Wissenschaftssendung“ hängen, in der gerade der Attraktivität von Gesichtern auf den Grund gegangen wurde. Die These: Männer bezeichnen Frauengesichter vor allem dann als attraktiv, wenn sie möglichst nah am Durchschnitt liegen. Es wurden 20 Frauen zwischen 18 und 33 Jahren eingeblendet, aus denen dann ein Computerprogramm das Durchschnittsgesicht errechnete. Dieses Bild wurde eingeblendet. Als erstes fiel mir auf, dass es deutlich jünger wirkte, als jedes der 20 Ausgangsgesichter. Als Zweites, dass es keine besonderen Merkmale besaß. Während alle 20 echten Frauen hier mal einen Leberfleck, dort mal ein Grübchen, und woanders ein Lachfältchen hatten, war keines dieser Merkmale so dominant, dass es gegen 19 andere ankam, die dieses Merkmal an dieser Stelle nicht hatten. Das Gesicht wirkte leblos. Nicht echt.

Jahre später wurde mir mal ein Link zu einer angeblich bislang unbekannten Symphonie Beethovens geschickt. Laut Begleittext war die Symphonie erst vor Kurzem entdeckt worden, sodass noch kein Orchester sie eingespielt hatte. Man konnte aber schon eine Synthesizerversion vorab hören. Das Ganze klang mehr nach einem Handyklingelton, als nach einem echten Orchester. Nun ja. Ich hörte es an, und ja tatsächlich, ich konnte mir gut vorstellen, dass das die Noten von Beethoven waren. Allerdings von einem Beethoven, der irgendwie so wirkte, als hätte er keine Lust gehabt, dieses Stück zu komponieren. Was zumindest erklärt hätte, warum es so lange in der Versenkung verschwunden war. Es klang wie Beethoven, aber irgendwie langweilig. So als hätte der geniale Komponist keine Ideen mehr gehabt. Es klang wie eine etwas bessere Version von „Alle-Meine-Entchen“ – alle Noten passten, aber es gab keine Emotionalität. Das Stück „eckte“ nicht an, es erzeugte keine Dramatik. Tatsächlich stellte sich heraus, dass dieses Stück gar nicht von Beethoven war. Eine künstliche Intelligenz (KI) hatte es aus allen seinen bekannten Stücken errechnet. Aus allen seinen Kompositionen quasi einen Durchschnitt ermittelt.

Das ist das Problem, wenn man mathematisch einen Durchschnitt ermittelt. Heilbronn ist die einkommenstärkste Stadt Deutschlands – aber nur weil der Milliardär Dieter Schwarz hier brav sein Einkommen versteuert. Menschen unter 1,70 m gehen dreimal im Jahr zum Arzt, Menschen über 1,80 m nur noch zweimal. Nein, kleinere Menschen sind nicht häufiger krank oder anfälliger. Kleinere Menschen sind statistisch häufiger Kinder und Frauen, die wegen anderer Dinge (z.B. Standard-Untersuchungen) als Krankheit zum Arzt gehen. Wir können den Menschen nicht mit einer DIN-Norm belegen und das ist auch gut so.

Um es auf den Punkt zu bringen: Gott scheint Nichtdurchschnittsmenschen zu bevorzugen – sonst hätte er nicht so viele von ihnen erschaffen! Ein Blick in die Bibel zeigt, dass Gott auch die Menschen für seine Zwecke einsetzt, die mit kleineren und größeren Macken daherkommen. Ob Mose (er hatte ein Sprachproblem und war überdies ein Mörder), David (ein Ehebrecher, der den rechtmäßigen Ehemann seiner Affäre in den Tod schickt) oder Petrus (der lieber Jesus verleugnet, als zu ihm zu stehen). Die Bibel berichtet nicht über die vielen Frauen aus Samarien, die in den kühlen Morgenstunden zum Wasserholen an den Jakobsbrunnen gingen, die im Durchschnitt einmal verheiratet waren, sondern von der einen, die sich zur Mittagszeit hinquält, die schon fünf Ehemänner hatte und jetzt in einer wilden Ehe lebte.

Fazit 1: Ich bin nicht DIN-NORMal, ihr seid es nicht, keiner ist es. Man muss nur dazu stehen.
Fazit 2: Würde Gott im Jahr 2022 beschließen, Mensch zu werden, er würde sicherlich in keiner Behörde arbeiten, die sich DIN-Normen aus dem Fingern saugt.
Fazit 3: Ich bin nach wie vor froh, keine Salatgurke zu sein.

M.W.