18. September 2021 | Gedankenanstoß

Und plötzlich war der ganze Fisch voller Gesang1

Oder: Wie aus schweren Gedanken ein Loblied werden kann

Fröhlich singen, wenn man ganz unten ist, ist ungewöhnlich. Lauter Jubel, wenn einem der Tod im Nacken sitzt, und Freude, wenn man im Dunkel gefangen ist, sind keine üblichen Verhaltensweisen. Wer in solchen Situationen einen Jubelsong anstimmt, tut es entweder, um den Ernst der Lage zu überspielen oder aus Verzweiflung, die sich in Sarkasmus flüchtet. Kummer und Not zu überspielen ist keine wirkliche Hilfe und führt eher zu einem unechten, gefälschten Lebensstil, bei dem man sich und anderen etwas vorzumachen versucht. Es tut gut, die Gefühle auszudrücken, die einen wirklich bewegen: zum Beispiel echte Freude, echte Trauer, echter Ärger und echte Dankbarkeit. Gott hat Originale geschaffen, Schauspieler gehören ins Theater.

Und dennoch gibt es immer wieder Menschen, die an den tiefsten Punkten ihres Lebens Neues entdecken. Die mitten im Dunkel ein Licht finden, die mitten im Klagegesang ein neues Lied lernen. Der Prophet Jona ist so einer. Man könnte meinen, dass Propheten im alten Israel echte Profis waren, ihren Auftrag kannten und ihren Job erfüllten, wie es Gott und Menschen gut tat. Ein Prophet ist jemand, der im Namen Gottes eine Ansage zur aktuellen Lage macht. Er warnt seine Zeitgenossen vor Fallen, in die sie zu laufen drohen. Er ermutigt sie zum Glauben und bringt ihnen Gottes Ideen für ein gelingendes Leben nahe. Ein Prophet warnt vor Irrwegen und hilft den Menschen, ihren Weg mit Gott zu entdecken. Eine gewisse professionelle Distanz bei gleichzeitiger Leidenschaft für die Aufgabe könnte man von so einem Propheten schon verlangen. Denn sein Job ist gewissermaßen richtungweisend.

Aber bei Jona ist das anders. Irgendwas gefällt ihm an dem Auftrag, den Gott ihm gibt, nicht, und er verschwindet einfach. Es ist echte Fahnenflucht. Gott hatte ihn beauftragt, nach Osten zu reisen, aber Jona sucht sich die entgegengesetzte Richtung aus. Er kauft sich ein Ticket nach Spanien. Das war damals das Ende der bekannten Welt.
In dieser Hinsicht sind im Laufe der Kirchengeschichte viele Christen Propheten gewesen. Immer wieder hatten Menschen den Eindruck, eine bessere Idee zu haben als der Chef der Welt. Und das gibt es bis heute: Was Gott da vorhat, schmeckt mir nicht, das kann er doch so nicht meinen, das passt doch nicht in unsere Zeit, das ist doch nicht fair – und man geht auf Distanz. Jona geht in »innere Emigration«. Er verschließt seine Ohren vor Gottes Ansagen und quittiert seinen Dienst. Um auf Nummer sicherzugehen, entfernt er sich auch noch körperlich vom Ort des Geschehens. Er will weg, soweit es irgend geht. Ach, hätte er den Satz aus Psalm 139 schon gekannt: »… ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, auch dort würdest du mich führen und deine Hand hielte mich fest«, vielleicht wäre ihm dann eine Menge Aufregung erspart geblieben. Allerdings kennen viele Christen unserer Tage diesen Satz und viele andere Bibelpassagen und versuchen trotzdem mit Gott Verstecken zu spielen. Wir dürfen aber mit der gleichen Erfahrung rechnen, die Jona auch gemacht hat: Gott findet uns in den hintersten Winkeln unserer Herzen und in den hintersten Winkeln dieser Welt, weil seine Liebe das größte Suchkommando ist, das diese Erde kennt.

Aber bevor er gefunden wird, sucht Jona das Weite. Dabei merkt er gar nicht, dass es mit ihm immer mehr bergab geht. Jona geht hinab nach Jafo, steigt hinab in das Schiff und steigt hinab in den untersten Schiffsraum. Es ist spannend zu sehen, wie der hebräische Text die Flucht des Jona vor Gott als Abstieg beschreibt. Und das ist für Jona noch nicht der tiefste Punkt. Das Schiff, das in die Freiheit führen soll, gerät in ein heftiges Unwetter. Alle beten, jeder zu dem Götzen, der ihm gerade einfällt. Jeder greift nach dem Strohhalm, den ihm seine Lebenshaltung anbietet. Nur der »Profi-Fromme« Jona nicht. Er bleibt stumm. Sein Gespräch mit Gott ist schon lange zum Erliegen gekommen. Sprachlosigkeit statt vertrauensvollem Gebet, Verzweiflung und innere Ermattung statt hoffnungsvollem Vertrauen auf Gott kennzeichnen Jonas Haltung. Auch das hat es im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder gegeben – bis auf den heutigen Tag. Gerade dann, wenn Krisen zum Beten und Vertrauen Anlass geben, fangen manche Glaubenden an zu hadern und zu zögern. Statt mit Gottes Hilfe zu rechnen und ihn um Orientierung zu bitten, brechen Debatten los, Schuldige und Ausreden werden gesucht und man ergibt sich in stiller Verzweiflung oder offener Revolution.

Für Jona ist diese Krise, der Sturm auf offener See, noch nicht der Wendepunkt. Seine Flucht geht weiter: Er möchte sterben und lässt sich ins Meer werfen. An der Schwelle zum Tod, da, wo es für Jona wirklich nicht mehr weitergeht, als er buchstäblich am Ende ist, geschieht das Wunder. Gott schickt ein Taxi. Aber keins mit roten Plüschsitzen und Komfortzonen, sondern eins, in dem es nach Lebertran und halbverdauter Nahrung stinkt. Jona wird von einem Fisch verschluckt, der ihn vor dem Ertrinken rettet.

Da sitzt er nun im Bauch des Fisches. Das müsste eigentlich das Ende sein. Tiefer geht es nicht mehr. Aber mitten im Dunkel, in der Tiefe des Meeres geht Jona ein Licht auf: Gott ist bei mir! Trotz allem und in allem! Und Jona fängt an zu singen. Er pfeift nicht im Dunkeln die Angst weg, sondern er erlebt in einem schlimmen Augenblick die Hilfe Gottes. Und das stimmt sein Leben auf einen anderen Ton. Die Hilfe ist zwar ungewöhnlich und sie stinkt! Aber das ist Jona egal: Er erlebt das Rettungshandeln Gottes und er hat diesmal nichts zu meckern. Vielmehr fängt er noch im Bauch des Fisches an, Gott zu loben. Klaus-Peter Hertzsch beschreibt es so: »Dort saß er, glitschig, aber froh: Denn nass war er ja sowieso. Da hat er in des Bauches Nacht ein schönes Lied sich ausgedacht. Das sang er laut und sang er gern. Er lobte damit den Herrn. Der Fischbauch war ein Gewölbe: das Echo sang nochmal dasselbe. Die Stimme schwang, das Echo klang, der ganze Fisch war voll Gesang.«2

Manchmal muss man erst mit dem Rücken zur Wand stehen oder richtig reinfallen, wie Jona ins Meer, um die Hilfe Gottes zu erkennen. Manchmal muss es erst dunkel um uns werden, um das Licht Gottes ganz neu zu sehen. Viele Glaubende haben Ähnliches erlebt. Gerade dann, wenn sie meinten, jetzt bin ich so weit weg von Gott, dass keine Hilfe mehr möglich ist, haben sie seine Gnade erlebt. So können auch dunkle Stunden der Anlass sein, ein neues Lied auf die Lippen und ins Herz zu bekommen. Siehe Jona, Kapitel 2.

RN

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1 vgl. den ähnlich lautenden Titel von Klaus-Peter Hertzsch. Hertzsch, K.-P.: Der ganze Fisch war voll Gesang. Stuttgart, 1970.
2 Hertzsch a.a.O. S. 57.