6. Februar 2022 | Gedankenanstoß

Was betrübst du dich meine Seele…?


Die Sehnsucht nach Gott

Wenn Gott schweigt und wir reden, und nicht spricht, was wir hoffen, dann müssen wir verstehn, dass Gott uns dennoch liebt. Wenn Gott nimmt und wir halten, und nicht gibt, was wir wollen, dann müssen wir verstehn, dass Gott uns dennoch liebt. – Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Wer auf Gott vertraut, hat auf Fels gebaut, und es wird ihm zum Guten dienen.“ (Lukas Di Nunzio)

Ich war 20 Jahre alt und saß in meinem ersten Hauskreis in meiner ersten WG, gerade von zu Hause ausgezogen, als mir diese Zeilen zum ersten Mal an die Nieren gingen. Im Schlepptau hatte ich Jahre, die ich niemandem wünsche. Es kostete meine gesamte Willenskraft, morgens aufzustehen und wie ein „normaler Mensch“ meinen Tag zu absolvieren. Kein Tag verging, der nicht in Tränen endete. Und was tat Gott? Gott hatte genommen und geschwiegen. Nicht nur einmal. Ich verstand die Welt nicht, ich verstand Gott nicht, ich wusste nicht, was das alles sollte.

Diese Liedzeilen trafen mich an einer Stelle, die ich normalerweise fest unter Verschluss hielt. Sie beschrieben einerseits meinen Herzenszustand – sie machten mich aber auch unendlich wütend. „Dann müssen wir verstehn …“ Gar nichts musste ich verstehen! Ich wusste zwar im Kopf, dass das alles wahr ist, aber der Fels unter mir war zerbröckelt, und was je Gutes daraus werden sollte, war mir unvorstellbar. Ich sehnte mich nach Gottes Eingreifen und Hilfe, doch spüren konnte ich sie nicht.

Ganz ähnlich erging es wohl auch dem Verfasser von Psalm 42 und 43. „Meine Seele schreit zu dir, Gott!“ Tiefe Sehnsucht nach Gott und seinem Eingreifen durchzieht die beiden Lieder, die halb Gebet, halb Selbstgespräch sind. Mit eindrücklichen Bildern beschreibt der Dichter seinen Herzenszustand: Durst nach Gott, Sehnsucht nach seiner Gegenwart. Dahinter jedoch stehen Trauer und Verzweiflung, so tief, dass es ihm den Hals zuschnürt und nichts als Tränen die Kehle passieren. Seine Feinde sind nicht nur eine äußere Bedrohung – treulose Lügner und Betrüger nennt er sie –, sondern auch eine ständige Quelle der inneren Anfechtung: „Wo ist nun dein Gott?“, so verhöhnen sie ihn … und so mag auch jene leise, gehässige innere Stimme immer wieder einmal gefragt haben. „Wo ist der Gott, an den ich glaube? Warum zeigt er sich nicht in seiner Kraft und Macht? Warum greift er nicht ein?“ Kein Wunder, dass immer wieder die Frage an Gott aufbricht: „Warum hast du mich vergessen?“ Er versteht Gott nicht mehr.

Dazwischen blitzen Erinnerungen an bessere, ja, an herrliche Zeiten auf. Fröhlicher Gottesdienst in großer Gemeinschaft, jubelnde Loblieder auf den allmächtigen Gott Israels, überfließende Freude über seine Gegenwart inmitten seines Volkes! Ach, wenn doch alles nur wieder so wäre wie damals … Doch das scheint nun unerreichbar fern, eben kaum mehr als eine Erinnerung. So viele unterschiedliche, widerstreitende Gedanken und Gefühle toben in der Seele des Psalmdichters, dass er sie schier nicht mehr durchschaut. „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?“ ist der Refrain, der sich durch die beiden Psalmen zieht. Andere Übersetzer übertragen die hebräischen Worte so: „Was bist du so verwirrt, so aufgelöst, so gebeugt, so betrübt, meine Seele?“ Er versteht sich selbst nicht mehr.

In alledem wendet der Psalmist sich immer wieder an Gott – an seinen Gott, an den Gott seines Lebens. Er erinnert sich bewusst daran, wer Gott ist und wie Gott ist … und schwankt dennoch zwischen Ehrfurcht vor Gottes Allmacht und der Frage: „Gott, warum hast du mich vergessen?“, ja, sogar: „Warum hast du mich verstoßen?“ Selbst in der besten Gottesbeziehung bleiben Angst und Zweifel nicht aus. Vielmehr ist es wohl eher so, wie es in einem anderen Lied heißt:

„Leben ohne Schatten ist Leben ohne Sonne. Wer nie im Dunkeln saß, beachtet kaum das Licht. Leben ohne Tränen ist Leben ohne Lachen. Wer nie verzweifelt war, bemerkt das Glück oft nicht. Leben ohne Täler ist Leben ohne Berge. Wer nie ganz unten war, schaut gleichgültig ins Tal. Leben ohne Zweifel ist Leben ohne Glauben. Wer niemals sucht und fragt, dessen Antworten sind schal.“ (Jürgen Werth)

Schale Antworten sind es nicht, die der Psalmist hier gibt. Genau genommen gibt er gar keine Antworten. Das mag daran liegen, dass er selbst keine Antworten hat. Er schreibt sich einfach seinen Kummer, seine Zweifel, seine Sehnsucht nach Gott von der Seele.

Trotzdem gibt seine Seele keine Ruhe. Kennen Sie das auch? Dass nach dem „Amen“ eben nicht alles plötzlich gut, vielleicht noch nicht einmal besser ist? Und dann die Frage: War das Gebet nicht gut genug? Ist bei mir etwas nicht in Ordnung, sodass Gott nicht eingreift? Was muss ich tun, damit Gott etwas tut?

Es sind eben nicht immer nur äußere Feinde, die uns bedrängen. Oft sind unsere inneren Stimmen, die gehässige Fragen stellen und uns niedermachen, unser größter Feind. Und sie lassen sich nicht so leicht zum Schweigen bringen.

Der Psalmist leugnet oder verdrängt das alles nicht. Er nimmt seinen Herzenszustand ernst genug, um ihn anzusprechen: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?“ Das ist keine Selbstanklage, sondern eine behutsame Erinnerung, die Blickrichtung zu ändern: „Harre auf Gott.“

Harren – was für ein altes Wort! Ein Wörterbuch zur Wortherkunft erklärt, dass es „sehnsüchtig, geduldig warten“ bedeutet. Ja, was denn nun? Sehnsüchtig oder geduldig? Sind das nicht eigentlich Gegensätze? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich ist dieses „Harren“ eine Haltung genau zwischen diesen beiden Polen: das Suchen nach dem, wonach unser Herz sich sehnt, und das duldsame Warten darauf, dass es eintrifft.

Gleichzeitig bedeutet das Wort, das Martin Luther mit „harren“ übersetzte, auch „hoffen“. Hoffen, wo es allem Anschein nach nichts zu hoffen gibt? Hoffen, obwohl meine Gefühle sich eher im Bereich der Hoffnungslosigkeit bewegen? Der Psalmist richtet den Blick über sein momentanes Erleben hinaus und ist sich sicher: „… ich werde ihm [Gott] noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist“. Er hat die Gewissheit, dass Gott helfen wird. Er hat aber noch viel mehr die Gewissheit, dass trotz allem, was gerade auf ihn einstürmt, am Ende Gott immer noch sein Gott sein wird.

*****

Die Sehnsucht nach Gott ist die stärkste Sehnsucht des Menschen überhaupt, denn Gott selbst hat sie ins Herz jedes Menschen hineingelegt. Sie lässt sich nicht ohne Schaden ignorieren oder verdrängen, denn wie wir auf sie reagieren, hat Konsequenzen für die Ewigkeit. Auch für den Psalmdichter ist sie eine existenzielle Kraft: Gott ist für ihn nicht nur ein Gott, sondern sein Gott. „Gott meines Lebens“, „Gott, mein Fels“, „Gott meiner Stärke“, „Gott, meine Freude und Wonne“ nennt er ihn. Diese persönliche Gottesbeziehung geht tiefer als alles äußere und innere Chaos, das er erlebt. Sie ist aber nicht das Produkt seiner eigenen Anstrengungen, sondern hat ihren Ankerpunkt außerhalb seiner selbst. Gottes Nähe oder Ferne ist eben nicht von unseren äußeren Umständen oder inneren Zuständen abhängig.

Das ist gleichzeitig eine unvorstellbare Sicherheit und ein enormer Trost, andererseits aber auch eine lebenslange Lektion, die oft schmerzhaft durchbuchstabiert werden muss. Der Satz „Ich werde Gott noch danken …“ ist eine Aussage des Psalmisten über die Zukunft (und nicht über seine Gegenwart). Sie zeugt von seinem Vertrauen auf Gottes Handeln und Hilfe, doch er weiß, dass diese für ihn nicht verfügbar sind. Gott in seiner Souveränität wird gewiss handeln – wann und wie er dies tut, entzieht sich allerdings unserem menschlichen Zugriff.

Dieses Spannungsfeld mutet Gott seinen Kindern zu, immer und immer wieder. Leicht ist das nicht. Auch nicht schmerzfrei. Zeiten der betrübten und unruhigen Seele gehören zu unserem Leben auf dieser Erde. Es ist ein Segen, wenn Gott durch sie in uns das Vertrauen wachsen lässt, das sagen kann: „Ich werde Gott noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.“

DL