1. Dezember 2022 | Gedankenanstoß

Was gab Gott für uns auf, als er Mensch wurde?

Gott lässt los, damit wir gewinnen

Wenn wir an die Weihnachtsgeschichte denken, dann denken wir an ein Baby in einer Futterkrippe in einem Stall oder in einem Nebengebäude, in Leinentücher gewickelt, die ihm als Windel dienen, und, je nachdem, wie jung wir sind, ist das Ganze auch noch ausgeschmückt. Es tauchen Fremde auf, die dann auch noch schöne Geschenke bringen. Manche davon sind Hirten, die gerade eine Engelserscheinung hatten; andere kommen sogar von noch weiter her: aus dem so genannten Morgenland. Und das alles nur, um sich vor einem neugeborenen König niederzuwerfen, der ihnen von einem Stern angekündigt wurde. Und dieses Kind wird ein paar Jahrzehnte später die Menschheit retten. Wow, das klingt schön. Und bis heute beschenken sich deshalb Menschen gegenseitig an einem Tag, den sie einfach als den Gedenktag festgelegt haben. Man nennt es auch manchmal das „Fest der Liebe“. Was aber viele vergessen, ist, dass einer verloren hat, ja, verlieren musste: Jesus.

Und während ich das jetzt hier so schreibe, habe ich irgendwie so eine typische Trailer-Stimme im Ohr, wie sie im Kino die Actionthriller ankündigt. (An dieser Stelle bitte diese typischen tiefen Ansagerstimmen vorstellen!)

Nach einer wahren Begebenheit!
Jesus – wie Sie ihn noch nie zuvor erlebt haben!
The Untold Story!
Ab 24. Dezember in Ihrem Kino

 

Nun, wir wissen ja, dass man bei Trailern immer ein bisschen übertreibt. Die Geschichte, die ich heute erzählen möchte, ist nicht ganz so „untold“. Sie steht bereits in der Bibel. Im Brief an die Philipper heißt es:

„Er war genauso wie Gott, nutzte es aber nicht aus, Gott gleich zu sein, sondern legte alles ab und wurde einem Sklaven gleich. Er wurde Mensch und alle sahen ihn auch so. Er erniedrigte sich selbst und gehorchte Gott bis zum Tod – zum Verbrechertod am Kreuz“
(Philipper 2,6- 8, Neue evangelistische Übersetzung)
.

Ich bin kein Theologe, aber ich werde es trotzdem versuchen. Es gibt jemanden mit Gottesebenbildlichkeit (morphe theou – Gestalt Gottes); er hatte also den gleichen Rang wie Gott, er war Gott, aber er hat nicht krampfhaft daran festgehalten. Er gab die Gottesebenbildlichkeit auf – für uns! Zu einem festgelegten Zeitpunkt legte er seine ganze Göttlichkeit ab, er entleerte sich – wie das griechische Wort übersetzt lautet. Er legte also seine Göttlichkeit nicht nur wie einen Mantel ab, sauber und ordentlich (und jederzeit griffbereit), sondern er machte sich tatsächlich leer. Das Wort, das Gott war, wurde Fleisch und wohnte unter uns (Johannes 1,1.18). Nun könnte man annehmen, dass er, wenn er schon freiwillig auf seinen Status als Gott verzichtete, zumindest hierarchisch am höchsten unter den Menschen stehen müsste. So hätte ich es zumindest gemacht. Schön mit einem großen Schloss, mit hundert Zimmern, zwanzig Bediensteten … aber hey, ich bin nicht Gott. Aber jeder wird mir zustimmen, dass Gott das Recht dazu gehabt hätte. Doch auch das hat er nicht getan. Stattdessen lebte Jesus ein selbstloses, einfaches Leben. Sein Ziehvater war ein einfacher „Tekton“ – ein Bauhandwerker –; seine Mutter wurde irgendwie schwanger, ohne dass ihr Verlobter etwas damit zu tun hatte – so wird es zumindest für die Nachbarn ausgesehen haben. Geboren in einem Stall, zum Schlafen in einen Futtertrog gelegt – zumindest muss davon ausgegangen werden, dass die Windeln von Jesus in einem Stall voller Tiere nicht mehr ins (olfaktorische) Gewicht fielen.

Mit spätestens zwölf Jahren war ihm zwar klar, dass er einen himmlischen Vater hatte (Lukas 2,49), aber er musste dennoch – wie du und ich – alles erlernen, was zum Menschsein dazugehört: Laufen, Sprechen und alles, was zum Jüdischsein dazugehörte – einschließlich den Eltern zu gehorchen (Lukas 2,51-52). Er war ein richtiger Mensch auf Erden. Er musste essen, er musste trinken, er musste regelmäßig schlafen, ja, Jesus brauchte sogar Auszeiten, in denen er sich zurückzog, um zu seinem Vater zu beten (Markus 1,35). Er wird die Versuchung in der Wüste gespürt haben (Matthäus 4), und die Brotmachung abzulehnen, war nicht so, als wenn jemand satt gebratene Spinnen ablehnen würde. Er kannte Angst – und zwar echte Todesangst. Vielleicht hatten einige von euch schon mal solche Angst, dass euch der Schweiß ausbrach, aber in Lukas 22,44 wird berichtet, dass der Schweiß Jesu zu Blut wurde. Am Kreuz zitierte Jesus den Psalm 22 nicht, weil er noch etwas Zeit hatte, bevor er seine Göttlichkeit wieder anziehen würde, sondern weil er in diesem Moment die Gottesverlassenheit spürte, mit jeder Faser seines irdischen Leibes.

„Aber war Jesus nicht auch Gott, als er auf Erden war?“, höre ich jemanden fragen. Ich will versuchen, ein Gleichnis zu geben. Als mein Vater mir Schach beibrachte, stellte ich fest, dass ich schon nach wenigen Partien fast so gut war wie er, denn ich gewann ab und zu, und wenn ich mal verlor, war es äußerst knapp. Erst als ich wirklich etwas besser wurde, merkte ich, dass mein Vater absichtlich Chancen ungenutzt verstreichen ließ, keine klaren Schäfermatts gegen mich zog, und Bauern, die meine Grundlinie erreichten, gegen Läufer statt Damen tauschte. Mit anderen Worten, er hat nicht so gespielt, wie er es hätte tun können. Er hat sich auf mein Niveau herabgelassen, aber er war zu jeder Sekunde der Schachspieler, der er eben war: besser als ich.

Den ehemaligen Boxer Wladimir Klitschko kennen sicherlich viele. Obwohl er seine Karriere an den Nagel gehängt hat, würde ich nicht gegen ihn antreten, denn er wäre sicher besser als ich. Aber wenn Klitschko sich freiwillig an einen Stuhl fesseln ließe, könnte sogar meine Tochter ihn besiegen. Dabei ist Klitschko immer gleich stark geblieben. Diese in ihm steckende Eigenschaft besaß er die ganze Zeit. Genau das ist es leider, was viele Atheisten oder viele Nicht-Christen am christlichen Glauben nicht verstehen. Sie halten uns Bibelstellen vor die Nase, die Jesus in diesen menschlichen Zügen zeigen: schwach, ängstlich, traurig. „Seht, er bittet sogar seinen Vater, der Kelch möge an ihm vorübergehen – das kann nicht Gott sein!“

Was ist die Antwort? Liebe! Er gab alles auf, er ließ alles los, was er vorher besaß. Denn das, was Gott tat, tat er nicht, weil er es musste, sondern weil er uns liebt. Wenn ich meine Tochter in den Kindergarten bringe, möchte sie sich vielleicht mit einem Abschiedskuss verabschieden. Sie kann nicht von alleine zu mir hochkommen, also habe ich nur zwei Möglichkeiten: Ich hebe sie auf Augenhöhe hoch oder ich lasse mich zu ihr herab, indem ich mich hinknie. (Da meine Knie noch etwas besser sind als mein Rücken, wähle ich persönlich die zweite Methode.) Wenn ich auf einer Wanderung bin und eines meiner Kinder kommt nicht mehr hinterher, ruhe ich mich mit ihm aus. Nicht, weil ich nicht mehr könnte, sondern weil mein Kind nicht mehr kann. Vielleicht kommt eine andere Person vorbei und denkt sich: „Dieser unfitte Vater“ (weil er mich auf der Bank sitzen sieht) – das ist mir egal. Es ist Liebe.

Aber all meine Beispiele und Gleichnisse können nicht darstellen, was Gott wirklich für uns getan hat. Denn wenn ich mich von meiner Tochter verabschiedet habe, kann ich mich wieder aufraffen; wenn mein Vater eine Schachpartie vorzeitig beenden wollte, konnte er jederzeit das Spiel in drei Zügen beenden. Aber Gott hat alles aufgegeben, um einer von uns zu werden. Er spielte nicht nur ein Baby in Windeln, einen Zwölfjährigen im Tempel oder einen, der um Lazarus weinte, er war es wirklich. Und als er am Kreuz starb, war das kein Schauspieler, der da oben so tat, als ob er Schmerzen hätte. Er hatte sie.

Wir werden nie verstehen, wie es ist, Gott zu sein und dies aufzugeben. Aber wir können die Liebe bis zu einem gewissen Grad begreifen. Vielleicht sollten wir an Weihnachten, dem sogenannten Fest der Liebe, auch innehalten und darüber nachdenken, was Gott eigentlich für uns aufgegeben hat

In diesem Sinne wünsche ich allen ein gesegnetes Weihnachtsfest.
M. W.